Nachhaltigkeit im Kaffeeanbau: Status quo

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Zuletzt fanden unter dem Hashtag #tatenfuermorgen die Deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit statt. Auch wir waren mit einer Aktion dabei, um auf die nachhaltige Produktion unseres Kaffees und das von uns verfolgte Fairchain-Handelsprinzip aufmerksam zu machen. Die Aktionstage haben wir zugleich zum Anlass genommen, um das Thema Nachhaltigkeit im Kaffeeanbau einmal genauer zu beleuchten.

2014 einigten sich die führenden Organisationen im Kaffeesektor (Global Coffee Platform, Sustainable Coffee Challenge, Specialty Coffee Association of America) auf die „Vision 2020“, ein Nachhaltigkeitsprogramm für den Kaffeeanbau und -konsum. Zwei Jahre später folgte ein Bestandsaufnahme, die im „Coffee Sustainability Catalogue 2016“ (CSC16) zusammengefasst wurde. Wir haben hineingeschaut, um zu erfahren, wie es im Kaffeesektor um Nachhaltigkeit bestellt ist. Immerhin geben 34 Prozent der deutschen Kaffeetrinker an, dass Informationen rund um den nachhaltigen Anbau von Kaffee die Kaufentscheidungen zunehmend beeinflussen.

Nachhaltigkeitsziele beim Kaffeeanbau

Die fünf wichtigsten Nachhaltigkeitsziele des Kaffeesektors sind nach Angaben des CSC16:

  1. Armutsbekämpfung
  2. Klimaschutz
  3. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen und wirtschaftliches Wachstum
  4. Bewusster Konsum
  5. Qualitätssteigerung

Dabei stehen vor allem drei Themen im Vordergrund:

1. Die Verbesserung der Situation der Kaffeebauern und -bäuerinnen: Bekämpfung von Armut und Hunger, Gesundheitsvorsorge und Wohlbefinden, bessere Bildung, Gleichstellung der Geschlechter, faire Arbeitsbedingungen und wirtschaftliches Wachstum
2. Der Schutz von Wäldern, Wasser und Böden: sauberes Wasser, günstige und saubere Energie, Klimaschutz, Leben auf dem Land
3. Eine nachhaltiger Kaffeeanbau: Produktionssteigerung, Qualitätssteigerung, stabile Preise, erhöhte Wertschöpfung, Vertrauen in den Kaffeesektor erhöhen, bewusster Konsum und Produktion

Diese Ziele decken sich mit den Sustainable Development Goals der UN. Die meisten der großen Akteure in der Wertschöpfungskette haben das Thema Nachhaltigkeit bereits auf ihrer Agenda, insbesondere die Röster und Händler. Die restlichen Akteure der Wertschöpfungskette im Kaffeeanbau, also die Produzentenorganisationen, Exporteure und Einzelhändler, sind bislang nur in einem verhältnismäßig geringen Ausmaß in den Nachhaltigkeitsdialog involviert. Dies wird auf einen Mangel an Organisation und Ressourcen sowie auf Sprachbarrieren zurückgeführt. Auch die Regierungen müssten stärker integriert werden, um rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf die Kaffeebäuerinnen und -bauern einwirken. Forciert wird das Thema Nachhaltigkeit vor allem von den Konsumenten in Europa und Nordamerika. In Europa wird Nachhaltigkeit im Kaffeeanbau vor allem von der Schweiz, den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien vorangetrieben.

Herausforderungen beim Erreichen der Nachhaltigkeitsziele im Kaffeeanbau

Während die Akteure innerhalb der Wertschöpfungskette (vor allem die Röster und Händler) die ökonomischen Nachhaltigkeitsziele priorisieren, rücken die Akteure außerhalb der Wertschöpfungskette (NGOs, Regierungen, Forschungsinstitute, Dienstleister) soziale und umweltbezogene Ziele in den Vordergrund. Konsens besteht darüber, dass wirtschaftliche Nachhaltigkeit die Grundlage für eine Verbesserung der Situation der Kaffeebäuerinnen und -bauern und für erfolgreiche Umweltschutzmaßnahmen darstellt. Da die meisten Programme in Kooperation zwischen profitorientierten und nicht-profitorientierten Akteuren erfolgen, wird davon ausgegangen, dass ein Ausgleich der Interessen erfolgt. Eine der größten Herausforderungen besteht derzeit noch darin, dass es keine dokumentierte gemeinsame Vision der Akteure gibt. Eine solche müsste die unterschiedlich gesetzten Prioritäten der Akteure berücksichtigen. Eine weitere Herausforderung besteht in der aktuell noch eingeschränkten Messbarkeit der Erfolge, die jedoch bereits adressiert ist. Viele der Akteure wünschen sich überdies eine größere Beteiligung der Regierungen, um Maßnahmen gesetzlich umzusetzen.

Investitionen in Nachhaltigkeitsprogramme

Die größten Investitionen in innovative Nachhaltigkeitsprogramme erfolgen derzeit in Lateinamerika. Ein großes Interesse besteht in Zentralamerika, nicht zuletzt durch die Herausforderungen des Klimawandels und des Blattrosts, in die viele Gelder von Forschungsinstituten fließen. In Afrika sind Innovationen in Nachhaltigkeitsprogramme geringer, da die Produktionsmenge pro Kaffeebauer im Vergleich niedrig ist und auch aufgrund geringerer lokaler Kosten. Die hier durchgeführten Projekte fokussieren vielmehr auf eine Verbesserung der Grundlagen (Anbau, Weiterbildung der Kaffeebäuerinnen und -bauern), sind in der Regel größer angelegt und weisen eine geringe Investition pro Kaffeebauer auf. Investitionen in Afrika sind aufgrund der Qualität der Kaffeebohnen und der notwendigen Verbesserung der Lebensbedingungen stark nachgefragt. Ein großes Potential wird in Kenia und Tanzania, aber auch außerhalb Afrikas in Laos, Thailand und China gesehen, da hier die Produktivitätsmengen noch deutlich gesteigert werden können. Zu den größten Geldgebern zählen USAID, die Weltbank, IDH, die Bill & Melinda Gates Foundation sowie regionale Entwicklungsbanken. 46 Prozent der Gelder fließen derzeit nach Afrika, 30 Prozent nach Lateinamerika und 24 Prozent nach Asien.

Inhalt der Nachhaltigkeitsprogramme

Fast alle Maßnahmen beinhalten landwirtschaftliche Verbesserungen. Das gängigste Geschäftsmodell ist die Zertifizierung, die verschiedene Aspekte umfasst wie etwa eine Bewusstseinsschaffung bei den Konsumenten, soziale Verbesserungen, Transparenz und das Schaffen von Anreizsystemen. Als wichtig erachtet werden überdies unterstützende Maßnahmen im Handel sowie der Zugang zu finanziellen Mitteln – allerdings stellen diese noch eine Herausforderung dar und es fehlt an positiven Best Practice-Beispielen. Eine zunehmend wichtige Rolle spielt die Erhöhung der Wertschöpfung durch die Auslese der Bohnen und Nassaufbereitungsanlagen, die beispielsweise in Ruanda eine zentrale Rolle bei der Verlegung des Fokus auf die Produktion von Spezialitätenkaffee gespielt haben.

Nassaufbereitungsanlage Musasa Dukundekawa
Nassaufbereitungsanlage in unserer Partnerkooperative Musasa Dukundekawa

Bedingungen für nachhaltigen Kaffeeanbau

Die Akteure im Kaffeesektor sind sich weitgehend darin einig, dass kleinbäuerlich organisierte Kaffeeproduktionsstätten nachhaltig gestaltet sind, wenn folgende Faktoren zutreffen:

  1. Anbau verschiedener Nutzpflanzen (für den Verkauf und den Eigenbedarf) sowie weitere Einnahmequellen (in unserer Partnerkooperative Musasa Dukundekawa produzieren die Frauen beispielsweise auch Körbe und ihnen stehen Kühe zur Verfügung, deren Dung für die Kaffeepflanzen genutzt wird und deren Milch sie privat verbrauchen)
  2. Die Organisation muss eine Mindestgröße erreichen, um profitabel zu arbeiten und Maßnahmen erfolgreich umsetzen zu können (darum ist der Zusammenschluss individueller Kaffeebäuerinnen und -bauern in Kooperativen sinnvoll)
  3. Sie werden vom gesamten Haushalt geführt (Mutter, Vater, Kinder). Tatsächlich zeigen Studien, dass die erhöhte Teilhabe von Frauen in allen Bereichen des Kaffeesektors positiv wirkt: Während Männer 25 Prozent ihres Verdiensts in Verbrauchsgüter investieren, investieren Frauen bis zu 90 Prozent ihres Einkommens in die Familie. Die Frauen in unserer Partnerkooperative Musasa Dukundekawa nutzen etwa den Zugriff auf die Finanzen, um in die Bildung ihrer Kinder zu investieren.

Während die Gleichstellung der Geschlechter zunehmend adressiert wird, bleibt die Diversifizierung im Anbau eine Herausforderung, da die Akteure im Kaffeesektor natürlich nur an der Kaffeepflanze interessiert sind. Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Diversifizierung ermöglicht es den Bauern breiter aufgestellt zu sein und reduziert so die Risiken von Preis- und Produktivitätsschwankungen. Zugleich wird die Biodiversivität der Anbauflächen erhöht, die Bauern sind besser in der Lage sich selbst zu versorgen und zuletzt lassen sich so auch Frauen und Jugendliche besser in die Produktion einbinden. Empfohlen wird daher ein Mischanbau von Kaffee und Nahrungsmitteln zum Eigenbedarf sowie das Vorhandensein von Vieh, Verarbeitungsanlagen und der Erzeugung erneuerbarer Energie. Auch über die Zukunft von chancenlosen, sehr kleinen und unproduktiven Kaffeefarmen muss gesprochen werden.

Auch Marie Bedabasingwa ist stolze Besitzerin einer Kuh, die ihr wertvollen Biodünger für den Kaffeeanbau liefert
Marie Bedabasingwa ist stolze Besitzerin einer Kuh, die ihr wertvollen Biodünger für den Kaffeeanbau liefert

Ausblick

Derzeit fließen jährlich 350 Mio. US-Dollar in Nachhaltigkeitsprogramme im Kaffeesektor. Mit dem aktuellen Ansatz wäre der Kaffeesektor im Jahr 2045 wirklich nachhaltig. Noch gibt es viele Herausforderungen. Das Geschäftsmodell der Zertifizierung wird zwar als funktionierend bezeichnet, sei aber noch keine allumfassende Lösung. Auch reichen die Gelder nicht aus, um die gesamte Wertschöpfungskette zu bedienen. Probleme, die außerhalb des Kaffeesektors liegen, werden beispielsweise kaum adressiert. Bislang ist der größte Teil der Gelder privat finanziert. Neue Formen der Finanzierung werden bereits von einigen Akteuren erwogen, etwa Karbonfinanzen.

Die Sustainable Coffee Challenge

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Sustainable Coffee Challenge, eine globale Initiative mit derzeit mehr als 60 Unternehmen, Regierungen, NGOs und Forschungsinstituten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Kaffee zum weltweit ersten nachhaltigen Agrarprodukt zu machen. Adressiert werden Faktoren wie klimatische Veränderungen, alternde Kaffeesträucher und volatile Märkte. Kaffeesträucher etwa sind oftmals zu alt und überdies klimatischen Herausforderungen und Krankheiten ausgesetzt. 2,2 Mio. Hektar Anbaufläche müsste weltweit erneuert werden, um die Nachfrage weiter bedienen zu können – das entspricht etwa 7 Milliarden Kaffeesträuchern!

Beispiel Kolumbien

Kolumbien hat es sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, Kaffee bis 2027 komplett nachhaltig zu produzieren. Derzeit haben mindestens 42 Prozent der kolumbianischen Kaffeefarmen eine entsprechende Zertifizierung bzw. Erfahrung. Dass dieser Wert noch nicht höher liegt, liegt nicht an mangelnder Bereitschaft. Vielmehr sind die Kosten der Zertifizierung mitunter zu hoch. Die erste zentrale Hürde sieht die Colombian Coffee Federation (FNC) in einer von allen Teilnehmern der Wertschöpfungskette akzeptierten Definition des Begriffs Nachhaltigkeit. Dazu soll zunächst ein freiwilliger Verhaltenskodex erarbeitet werden, der drei Aspekte von Nachhaltigkeit berücksichtigt:

  1. Wirtschaft: Einkommen, Produktivität, Kosten-Management
  2. Sozial: Investitionen in Soziales, Bildung in ländlichen Regionen, Krankenversicherung
  3. Umwelt: Schutz natürlicher Ressourcen und nachhaltige Landwirtschaft

Ruanda und Mexiko waren übrigens die ersten Länder, die der Sustainable Coffee Challenge beitragen. Wenn Sie unser ruandischen Fairtrade-Kaffee einmal probieren möchten, besuchen Sie uns im Shop.

[Quelle: Global Coffee Platform, IDH Sustainable Trade Initiative, Specialty Coffee Association of America, Sustainable Coffee Challenge: „Coffee Sustainability Catalogue 2016“]
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