Kaffee, ein koloniales Erbe. Die Geschichte des Kaffees in Ostafrika am Beispiel Ruanda

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“Rwanda coffee – A second sunrise” betitelt Ruanda seinen im Land produzierten Kaffee. Damit gemeint ist die “Wiederauferstehung”, der “zweite Sonnenaufgang” der Kaffeeproduktion nach dem Genozid 1994. Doch warum zweiter Sonnenaufgang? Ein kleiner Überblick über die Geschichte des Kaffees in Ruanda.

Kaffee im Kolonialismus

Der Ursprung des Kaffees liegt in Äthiopien, da ist sich die Wissenschaft einig. Die erste schriftliche Erwähnung des “schwarzen Goldes” datiert zurück auf circa 900 v. Chr. Der Legende nach bemerkte ein Ziegenhirte, wie seine Tiere nach dem Verzehr der roten Kirschen des Kaffeestrauchs aufgedreht umhersprangen. Neugierig geworden, begann man, die Blätter und getrockneten Beeren wie Tee aufzugießen. Von Ostafrika breitete sich die Kaffeekultur über das Osmanische Reich bis nach Europa und in die ganze Welt aus. 

Viele afrikanische Länder blieben von dieser Entwicklung und dem Hype um den Wachmacher jedoch unbetroffen. In Ruanda wurde die Kaffeepflanze ironischerweise von deutschen Missionaren eingeführt: Der erste Kaffeebaum wurde 1904 auf Anweisung von Adolf von Gotzen in Mibirizi, im heutigen Distrikt Rusizi gepflanzt. In Europa hatte sich eine blühende Kaffeehauskultur entwickelt. Da man die gefragte Pflanze nicht in Europa anbauen konnte, nutzten die meisten europäischen Mächte die klimatischen Bedingungen und ökonomische Abhängigkeit ihrer neu “erworbenen” Kolonien entlang des Äquators. 

So richtig Fahrt nahm der Kaffeeanbau in Ruanda jedoch erst in den 1930er Jahren unter den belgischen Kolonialherren auf. Baumschulen wurden angelegt, Setzlinge verteilt und Bäuerinnen und Bauern begannen Kaffee anzubauen. Die Belgier kontrollierten die Preise und Handelslizenzen, führten hohe Exportzölle sowie Einkommenssteuern ein. So wurde der Kaffee zu einer der wichtigsten Einkommensquellen Ruandas und bleibt es bis heute. Bis zur Einführung von Tee 1952 waren Kaffeebohnen sogar das einzige Cash Crop des Landes. 

Kaffee im Postkolonialismus

Auch nach der Unabhängigkeit Ruandas 1962 gab es keine großen strukturellen Veränderungen im Kaffeesektor: Er war weiterhin sehr zentral und staatlich über das Marketing Board OCIR-Café und das monopolistische Exportunternehmen Rwandex organisiert. Bäuerinnen und Bauern hatten in der Regel kein Mitspracherecht und die Preise, die den Bäuerinnen und Bauern für ihre Kaffeekirschen gezahlt wurden, wurden von der Regierung festgesetzt. Auch wenn die Qualität des Kaffees eher schlecht bis mittelmäßig war, machte das Produkt in den 1970er und 1980er Jahren 60 bis 80 Prozent der nationalen Exporteinnahmen aus. Mittlerweile hat Tee Kaffee als Exportprodukt überholt: Im Zeitraum 2020-2021 wurden mehr als 16,8 Mio. Kilogramm Kaffee exportiert und über 61,5 Mio. US-Dollar erwirtschaftet sowie 34,3 Mio. Kilogramm verarbeiteter Tee zu 90 Mio. US-Dollar. 

1962 wurde schließlich das International Coffee Agreement (ICA) unterzeichnet. Dabei handelte es sich um ein internationales Rohstoffabkommen zwischen den Kaffee produzierenden Ländern, darunter Ruanda, und den konsumierenden Ländern. Das ICA sollte die Quoten der Exportländer aufrechterhalten sowie die Kaffeepreise auf dem Markt hoch und stabil halten. Die internationale Kaffeeorganisation, das Kontrollorgan des Abkommens, vertrat alle großen Kaffee produzierenden Länder und die meisten Verbraucherländer. Das ICA wurde alle fünf Jahre von den Mitgliedsländern neu verhandelt. 1989 brach es zusammen und wurde nicht erneuert. Das führte dazu, dass jedes Land so viel produzieren und exportieren konnte, wie es wollte. Die Folge war eine Überproduktion von Kaffee und damit kam es zur so genannten Kaffeekrise. Auf dem freien Markt fielen die Preise 1992 auf 0,49 US-Dollar pro Pfund. 1998 brach der Kaffee-Weltmarktpreis zusammen. Bis heute ist der Kaffee-Weltmarktpreis extremen Schwankungen unterlegen. Kleinbäuerinnen und -bauern waren und sind extrem anfällig für diese Marktvolatilität. Ihr Einkommen ging während der Kaffeekrise bis zu 70 Prozent zurück und viele rutschten in die Armut. 

Ruandas Weg in das Spezialitätenkaffee-Segment

Die Kaffeekrise und der Genozid 1994 hinterließen den ruandischen Kaffeesektor kurz vor dem Kollaps. Angesichts der enormen Rolle, die Kaffee für Ruandas Einkommen spielte, wurden Regierung und Wirtschaft von den niedrigen weltweiten Kaffeepreisen hart getroffen. Die Preise boten für die Bäuerinnen und Bauern kaum noch einen Anreiz in Kaffee zu investieren. Der Anteil von Kaffee an den Gesamtexporten fiel von 60 auf 30 Prozent. 90 Prozent der Kaffee-Exporte wurde auf dem Weltmarkt in der Verkaufskategorie C, also der untersten Qualitätsstufe, angeboten. 

Die National Coffee Strategy, die 2002 von einem Zusammenschluss verschiedener privater und öffentlicher Akteure im Kaffeesektor Ruandas entwickelt wurde,  führte schließlich zu einer Wiedergeburt der Kaffeeindustrie in dem ostafrikanischen Land. Handelsbarrieren wurden gesenkt und Beschränkungen für Kaffeebäuerinnen und -bauern aufgehoben. Da die Preise für Spezialitätenkaffees höher und stabiler blieben als für gewöhnliche Kaffees, fokussierte sich die National Coffee Strategy auf die Neupositionierung Ruandas als Erzeugerland von Spezialitätenkaffee. Dazu erfolgte ein Wandel in der Produktion von Commodity-Grade-Kaffee hin zu hochwertigem, vollständig gewaschenem Kaffee mit höheren Prämien und stabileren Preisen auf dem Kaffee-Weltmarkt. Investitionen erfolgten in Hinblick auf den Aufbau von Kapazitäten und Fähigkeiten bei Kaffeebäuerinnen und -bauern und Arbeiter*innen in Kaffeewaschanlagen, direkte Partnerschaften von Produzent*innen, ausländischen Käufer*innen und NGOs, Stärkung und Unterstützung von Erzeugergenossenschaften, Förderung des Baus von Kaffeewaschanlagen, Erneuerung von Kaffeebaumbeständen, Verbesserung der Qualitätskontrolle (wie z.B. dem Cupping) in der gesamten Branche sowie die Entwicklung einer ruandischen Markenidentität. All dies führte zu einer Verbesserung der Qualität der Bohnen.

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Kaffeecupping in Ruanda

Die Aufwertungsstrategie Ruandas, sich als Produzent von Spezialitätenkaffee zu positionieren, umfasste die Kompetenzentwicklung auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette, vom Risikomanagement im Finanzsektor bis zur Feldarbeit, die Umsetzung der Rückverfolgbarkeit bis hin zum Personalmanagement an den Waschstationen. Durch weitere Überarbeitungen der National Coffee Strategy in den Jahren 2006 und 2009 wurde die Kaffee-Wertschöpfungskette mobilisiert, um den immer strengeren Anforderungen an Qualität und Rückverfolgbarkeit gerecht zu werden. Die Bedeutung von Form-, Farb-, Geschmacks- und Aroma-Qualitäten sowie der richtigen und effizienten Wasch-, Trocknungs- und Röstprozesse stand im Fokus der Maßnahmen. Zudem wurden Qualitätszertifizierungsprogramme im Kaffeesektor eingeführt, darunter Rainforest Alliance- und Fair Trade-Kennzeichnungen

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Kaffeebäuerinnen in einer Kaffeewaschanlage in Ruanda

Heimischer Kaffeekonsum in den Kaffee anbauenden Ländern

Heute ist ruandischer Kaffee auf dem Markt für Spezialitätenkaffee international für seine Qualität bekannt. Rund 50.000 ländliche Haushalte haben ihr Einkommen aus der Kaffeeproduktion mehr als verdoppelt und durch die Reformen wurden rund 2.000 Arbeitsplätze in Kaffeewaschanlagen geschaffen. Die Anzahl der Waschstationen stieg von landesweit nur zwei im Jahr 1998 auf aktuell über 300, die über alle wichtigen Kaffeeanbaugebiete verteilt sind. 

Trotz der wichtigen Rolle des Kaffees in der Wirtschaft gehört das Getränk für die meisten Ruander*innen nicht zum täglichen Leben. Die gesamte Kaffee-Wertschöpfungskette wurde damals so aufgebaut und reguliert, dass Kaffee von den Bäuerinnen und -bauern zu den Waschstationen gebracht und dann als grüne Bohne und damit als Rohstoff exportiert wird. Das von den  Kolonialherren eingeführte Getränk wurde von Ausländer*innen, nicht aber von Einheimischen, konsumiert. Kaffee diente als Einnahmequelle und es gab keine Bemühungen, den inländischen Konsum zu fördern. Die Wertschöpfung beschränkte sich auf den Anbau und das Waschen der Kaffeekirschen, um sie nach dem Export als geröstete Kaffeebohnen wieder einzuführen. Dies limitierte die Einnahmen, da geröstete Bohnen zu höheren Preisen gehandelt werden als der reine Rohstoff. Eine heimische Kaffeekultur entwickelte sich so kaum. 

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Zudem ist Kaffee in Ruanda im Vergleich zu Tee relativ teuer. Ein Tasse Kaffee kostet rund 1500 Franc (1,30 Euro) wohingegen für Tee nur 500 Francs (0,42 Euro) zu zahlen sind. Für viele Ruander*innen ist Kaffee ein Luxusgut. 

Dass Ruanda Spezialitätenkaffee außerhalb der Reichweite der Bevölkerung produziert, ist der Regierung nicht entgangen. In den letzten Jahren hat sie sich mit NGOs und privaten Unternehmen zusammengetan, um Ruander*innen, einschließlich Bäuerinnen und Bauern, dazu zu bringen, Kaffee zu konsumieren. Seit einigen Jahren preisen von der Regierung gesponserte Radiospots die Vorteile des Kaffeetrinkens an und erklären den Ruander*innen, dass das Getränk nicht nur für Ausländer*innen wohlschmeckend ist. Hotels und Restaurants servieren zunehmend lokal gerösteten Kaffee und Cafés veranstalten Bildungsseminare sowie Verkostungen für Neugierige.

Der Aufbau einer Kaffeekultur und die Steigerung des Inlandskonsum sind wichtig für das Wachstum des Kaffees und um eigene Marken wie Café de Maraba in den Fokus zu rücken. 2019 konsumierten Ruander*innnen schätzungsweise 3 Prozent des im Land produzierten Kaffees. Die ruandische Kaffeekultur wächst insbesondere in der jüngeren Generation. Cafés gewinnen neben den Expats und ausländischen Besucher*innen auch unter Ruander*innen immer mehr an Beliebtheit. Vor zehn Jahren gab es in Kigali nur ein paar Coffeeshops, jetzt sind es mehr als zwei Dutzend.  

Ein erhöhter lokaler Konsum ist für die Kaffeeproduktion und -vermarktung sehr wichtig. So bekommen die Bäuerinnen und Bauern einen stärkeren Bezug zu ihrem Kaffee und verstehen den Wert ihres Produkts besser. Dies motiviert sie, die Ernte besser zu pflegen und die Produktivität und Qualität zu verbessern sowie eine Kaffeetrinkkultur im Land zu fördern. Eine Förderung des lokalen Marktes kann schließlich zu verbesserten Erzeugerpreisen für die Landwirt*innen führen. Sie sind durch einen erhöhten Inlandskonsum weniger stark von volatilen internationalen Kaffeepreisen abhängig, wenn die lokalen Preise die internationalen Marktpreise übersteigen. Zudem erhalten sie über lokale Wertschöpfung zusätzliche Einnahmen aus Verarbeitungsschritten wie Rösten und dem Einzelhandel. Mit einem erhöhten Konsum in den Produzentenländern verschiebt sich also die Balance of Power. Länder des globalen Südens werden selbstbewusste Akteure im Markt. Das führt zu mehr Fairness, Selbstbestimmung und Teilhabe der Produzent*innen. 

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Erhöhte Wertschöpfung über Rösten im Ursprungsland

Fazit

Der Wiederaufbau des Kaffeesektors in Ruanda und die Fokussierung auf Qualität, hat dazu beigetragen, das Einkommen der Kaffeebäuerinnen und -bauern zu erhöhen. Aufgrund der Aufwertung zu Spezialiätenkaffee sehen sie jetzt viel mehr Wert in dem, was sie anbauen. Die steigenden Einkommen und eine erhöhte Wertschöpfung verbessern die Lage der Bäuerinnen und Bauern, sich und ihre Familien zu ernähren, ihre Kinder zur Schule zu schicken, Versicherungen abzuschließen und ihre Häuser zu reparieren oder zu verbessern. 
Zusammen mit der Vermarktung des fertigen Röstkaffees über die eigenen Marken Angelique’s Finest und Café de Maraba sind so alle weichen gestellt um ein wirklich fairen und hochwertigen Kaffee anbieten zu können.

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Kaffeebäuerin in Ruanda mit ihrer eigenen Kaffeemarke Angelique’s Finest

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